Anything you can do… möchte ich nicht tun müssen, während ich blute!

Angefangen hat es mit dem Bluten. Bei Resi und mir und bei allen Beitragseinsender*innen. Dieses Projekt, was wir Mitte des Jahres mit dem Namen „stained- Perspektiven auf Menstruation“ versehen haben, lässt sich auf eine scheinbar ganz simple Sache zurückführen: das Menstruieren.

Scheinbar simpel, weil Menstruieren meist als universelle Erfahrung besprochen wird, die alle Menstruierenden eint und identisch verläuft. Dass für viele Menschen, vor allem für nicht-menstruierende Personen, diese und andere oberflächliche Annahmen langfristig bestehend bleiben, liegt vor allem daran, dass selten offen über die Menstruation gesprochen wird. Denn für kaum eine andere Sache gibt es eine größere Bandbreite an ausweichenden Begriffen und verschönernden Darstellungsweisen, doch am Ende ist und bleibt es lediglich Blut, das aus einer Vagina fließt.
Aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung, die in patriarchalen Strukturen an Menstruationsblut haftet, ist das Bluten aus der Vagina etwas, das hinter geschlossenen Türen passieren und hinter vorgehaltener Hand besprochen werden soll. Von Personen in weißen Baumwollkleidern, welche durch die Straßen tanzen, vergnügt mit Freund*innen feiern gehen oder in Heels zur Arbeit stolzieren, bis hin zu Abbildungen von blauer Flüssigkeit auf Binden, die Gerüche „neutralisieren“ oder vor dem „Auslaufen“ schützen sollen, sind die Werbungen etablierter Menstruationshersteller*innen voll von abstrakten Darstellungen der Periode.

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Photo Credits: Vanessa Voigt

Schluss mit dem Blaumalen

Doch abseits von TV-Werbespots und generalüberholten Schulbüchern gibt es zunehmend mehr menstruierende Personen, die sich Raum verschaffen, um unverblümt über das Menstruieren zu reden und das Thema in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Resi und ich haben Anfang des Jahres begonnen an unserem Zine „stained- Perspektiven auf Menstruation“ zu werkeln und mithilfe eines Open-Calls menstruierende Personen darum gebeten ihre Menstruationserfahrungen zunächst mit uns, später dann mit den Leser*innen zu teilen. Dabei haben wir versucht die Form und den Inhalt der potentiellen Beiträge so wenig wie möglich einzuschränken, um allen Menschen den Freiraum zu geben, sich dem Thema so annähern zu können, wie sie möchten.

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Photo Credits: Johanna Gläßer

Perspektiven auf Menstruation

Herausgekommen ist dabei eine 200seitige Publikation mit 51 Beiträgen von 38 menstruierenden Personen in deutscher und englischer Sprache. Die Einreichungen und Resonanz haben unsere Erwartungen ums Vielfache übertroffen. Sie sprechen Aspekte wie die erste Menstruation, das Menstruieren in der Schule oder am Arbeitsplatz, Gespräche mit nicht-menstruierenden Personen, Sex oder Sport während der Periode, Endometriose und Menstruationsbeschwerden an. Genau diese Vielseitigkeit an Erfahrungen ist der Grund, warum wir das Projekt überhaupt gestartet haben. Wir wollten Perspektiven auf Menstruation sammeln, um dieses Thema zu entmystifizieren, menstruierende Personen für sich selbst sprechen zu lassen und sichtbar zu machen, dass auch die Erfahrung des Menstruierens individuell ist.

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Photo Credits: Vanessa Voigt

Menstruation has no Gender

Diese Gemeinsamkeit teilen wir mit allen Beitragseinsender*innen und den Menschen, die „stained“ in erster Linie möglich gemacht haben. Das Menstruieren ist etwas, das uns verbindet. Es ist womöglich unser kleinster gemeinsamer Nenner. Doch beim genaueren Hinsehen sind es vor allem die Unterschiede, die in unseren Menstruationserfahrungen hervorstechen und aufzeigen, dass Menstruationserlebnisse individuell sind. Außerdem sind sie eng verknüpft mit unserer Biografie und den Privilegien oder den Diskriminierungserfahrungen, die wir innehaben bzw. denen wir ausgesetzt sind. Denn Menstruationen unterscheiden sich nicht nur im Verlauf, der Konsistenz und Farbe des Blutes oder in den Begleiterscheinungen (die übrigens trotzdem viel zu selten thematisiert und mitgedacht werden), sondern auch hinsichtlich der Behandlung dieser durch unsere Mitmenschen und den Strukturen, in denen wir uns bewegen.

Angefangen mit dem Wikipedia-Artikel zu „Menstruation“, in welchem geschrieben steht die Menstruation markiere die „körperlich fruchtbare[.] Zeit im biologischen Leben […] der Frau“, wird weiterhin die falsche Annahme reproduziert alle Menstruierenden seien Frauen* und alle Frauen* würden menstruieren. Nicht nur in diesem eben angesprochenen Artikel, sondern in zahlreichen Beiträgen, Werbespots, Blogposts und Podcasts wird von „Frauen“ gesprochen, wenn es eigentlich um Menschen geht, die mal mehr und mal weniger regelmäßig aus ihrer Vagina bluten. Dieser tiefverwurzelte sprachliche Ausdruck, exkludiert aber – egal ob bewusst oder unbewusst – menstruierende nonbinäre und trans*-Personen aus dem Diskurs und sorgt dafür, dass ihre Menstruationserfahrungen noch wesentlich seltener gehört und mitgedacht werden als die von cis-Frauen. Daher ist ein Aspekt, welcher sich durch unser gesamtes Zine-Projekt zieht und jede dieser Seiten eingefärbt hat, die Geschlechtslosigkeit von Menstruation.

You stained it!

Wir sind der Meinung, dass jeder Beitrag unser Projekt auf unnachahmliche Weise verändert und geprägt hat. „stained“ wurde mit diesem Ausdruck betitelt, da wir unter den zahlreichen Übersetzungsmöglichkeiten zwei als sehr passend für unser Zine empfunden haben: befleckt und verfärbt. Befleckt weil, auch wenn immer noch viele Menschen darauf beharren, dass die Menstruation versteckt gehört, die meisten Menstruierenden ihre Periode Sichtbarmachen in den Blutflecken, die sie beispielsweise auf den beigen Sitzkissen im Wartezimmer oder auf der hellsten Jeans während der Mathe-Doppelstunde hinterlassen. Dass das Thematisieren und das bewusste Sichtbarmachen von Menstruationserfahrungen weiterhin stigmatisiert wird, zeigt sich letztendlich in der Angst vieler menstruierender Personen etwas – egal ob Räume oder Textilien – mit dem eigenen Periodenblut zu verfärben, zu „stainen“. Dass wir es doch getan haben auf 200 Seiten, möchten wir deshalb zelebrieren. You stained it!

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Photo Credits: Vanessa Voigt

Wir wünschen uns, dass die Beiträge zu einer Perspektiverweiterung bei dem einen oder der anderen Leser*in führen, bei Resi und mir haben die Beiträge definitiv dazu beigetragen unser Verständnis von Menstruation zu erweitern. Gerade nicht-menstruierende Personen können und sollten sich durch das Projekt sensibilisieren lassen für das, was Menstruierende erfahren. Und vielleicht können durch die gesammelten Perspektiven auf Menstruation weitere tiefergehende Auseinandersetzungen und realistische Darstellungsweisen von Menstruation angestoßen werden. Denn: Anything you can do, I can do bleeding – aber es sollte nicht erwartet werden, dass wir die gleiche Leistungsfähigkeit an den Tag legen müssen, wenn wir menstruieren. Und erst recht nicht, dass wir das Ganze obendrein noch still und klanglos ertragen müssen.

Emilia

Anmerkung der Redaktion: Auch wir von Vulvani sind stolz, mit unserem Artikel “Drei Wünsche und Free Bleeding” sowie einem Bildbeitrag unserer Menstruationskunst Teil des Zine “stained – Perspektiven auf Menstruation” zu sein. Danke für eure wertvolle und wichtige Aufklärungsarbeit, liebe Resi & Emilia! Und kauft und verschenkt das Zine an liebe Menschen, denn es ist wirklich einzigartig geworden!

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Emilia

Emilia (sie-Pronomen) lebt derzeit in Berlin und studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaften sowie Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Das Projekt „stained- Perspektiven auf Menstruation“ hat sie gemeinsam mit Theresia initiiert und ist Ausdruck einer kritischen Auseinandersetzung mit der Darstellungsweise von Menstruation in einer patriarchalen Gesellschaft. Auf www.stained-zine.de könnt ihr das Zine erwerben und weitere Informationen rund um das Projekt finden.