Keine Tampons, keine Binden und auch keine Menstruationstasse mehr benutzen! Bist du bereit, während deiner nächsten Menstruation freiwillig auf all diese Produkte zu verzichten? Wahrscheinlich nicht! Denn die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, wie das freie Menstruieren, auch Free Bleeding genannt, funktionieren soll. Nur wenige menstruierende Menschen kennen diese Alternative und praktizieren sie. Im Grunde ist diese natürliche Methode jedoch so alt wie die Menschheit selbst.

Free Bleeding, was ist das genau? Und wie soll das bitte funktionieren??

Beim freien Menstruieren wird während der Regelblutung freiwillig auf Hilfsprodukte wie zum Beispiel Tampons, Menstruationstassen oder -schwämmchen verzichtet. Das Blut wird also nicht von einem Fremdkörper inner- oder außerhalb des Körpers aufgefangen. Dem Blut wird vielmehr ‚freier Lauf’ gelassen. Dies endet jedoch nicht in blutigen Hosen oder verschmierter Bettwäsche. Denn es gibt gute Nachrichten: die Grundannahme, dass das Menstruationsblut wortwörtlich unaufhaltsam sei, ist so nicht ganz richtig!
Das Menstruationssektret (Blut plus Gebärmutterschleimhaut) wird zunächst am Muttermund gesammelt und anschließend in Schüben abgestoßen. Es ist möglich durch eine bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers zu spüren, wann das Blut kommt. Durch Muskelkraft kann es bis zu einem bestimmten Punkt auch absichtlich zurückgehalten werden. Es entsteht ein leichter Druck im Unterleib, der sich ein bisschen wie eine volle Blase anfühlt. Beim freien Menstruieren wird das Menstruationsblut schließlich durch Entspannung des Beckenbodens direkt auf der Toilette abgelassen. Das bewusste ‚Ablassen’ des Menstruationsbluts, genau wie andere Körperflüssigkeiten auch, kann also kontrolliert werden. Klingt jetzt vielleicht erst mal zu schön, um wahr zu sein und dennoch irgendwie unvorstellbar für dich? Aber in der Ruhe (und Übung!) liegt die Kraft. 

Du denkst immer noch, freie Menstruation klappt nicht? Hier meine besten Tipps für dich:

Um Free Bleeding zu erlernen, brauchst du ein gutes Körpergefühl und wahrscheinlich mehrere Zyklen, um zu üben. Und vor allem am Anfang auch viele ruhige Momente, um ein gutes (Selbst-)Bewusstsein für deinen eigenen Körper zu entwickeln und Veränderungen wahrzunehmen. Am besten ‚trainierst’ du an deinen leichteren Tagen ganz entspannt zu Hause, dann brauchst du dir um die nächste Toilette keine Sorgen machen. Wenn du dich am Anfang noch unsicher fühlst, kannst du als Backup zum Beispiel eine (waschbare) Slipeinlage tragen oder einfach im Stundentakt auf Toilette gehen und schauen, was passiert. Du wirst überrascht sein, was dein Körper alles kann!
Und nachts? Dank der Schwerkraft ist der Blutfluss im Liegen deutlich geringer als am Tag und wenn du Glück hast, kannst du an den leichteren Tagen einfach durchschlafen. Geh aber kurz vorm Schlafengehen und direkt nach dem Aufwachen schnell auf die Toilette. An den stärkeren Tagen weckt dein Körper dich auf – so wie wenn du sonst nachts auch mal auf die Toilette musst.

Aber warum sollte ich freiwillig auf Menstruationsprodukte verzichten?

Das ist eine gute Frage! Es gibt recht verschiedene Ansätze, sich für Free Bleeding zu entscheiden. Die Gründe sind oft sehr persönlich und reichen von Unverträglichkeit herkömmlicher Menstruationsprodukten über Achtsamkeit bis hin zu politischen oder feministischen Ansichten. Mit der Zeit wirkt sich die freie Menstruation auch positiv auf die Periode aus. Durch den Verzicht von Fremdkörpern im Körper wird der Menstruation ihre Natürlichkeit zurückgegeben. Weniger Regelschmerzen und eine verkürzte Menstruationsdauer sind zum Beispiel gesundheitliche Vorteile der freien Menstruation. Noch nicht ganz überzeugt?
Die freie Menstruation ist zudem mit Abstand die umweltfreundlichste und natürlichste Methode, um die eigene Periode nachhaltiger zu gestalten. Denn durch den Verzicht von herkömmlichen Wegwerfprodukten können enorme Müllberge vermieden und unsere Umwelt geschützt werden. Freies Menstruieren der Umwelt zuliebe ist schon mal ein guter Grund! Während der Menstruation keine Wegwerfprodukte zu verwenden, bedeutet auch nicht jeden Monat neue Menstruationsartikel kaufen zu müssen und schont somit deinen Geldbeutel. It’s a win all around!

Meine Free Bleeding Erfahrung

Free Bleeding und ich: Liebe auf den ersten Blick (oder eher Blutschwall?)

Als ich das freie Menstruieren ausprobiert habe, war ich total begeistert davon, dass es wirklich funktioniert. Am liebsten würde ich der ganzen Welt von meinen Erfahrungen mit der freien Menstruation erzählen (deswegen also dieser Text!), weil ich auch ein bisschen stolz bin. Denn es ist jedes Mal wieder wie ein kleines Erfolgserlebnis und ich bin fasziniert davon, was mein Körper alles schaffen kann. Ich habe das Gefühl, dass ich durchs Free Bleeding meiner Menstruation viel mehr Aufmerksamkeit schenke. Sie wird zu einem bewussten Teil meines Alltags und ist nichts mehr, was ich unbedingt verstecken möchte oder nur so nebenher läuft.

Es ist ein Privileg zwischen verschiedenen Menstruationsprodukten wählen zu können.

Das Paradoxe am freien Menstruieren ist jedoch, dass auf der einen Seite menstruierende Personen bewusst darauf verzichten, worauf andere unfreiwillig verzichten müssen. So führen Geldmangel und Unterversorgung genau so wie spiritueller Aktivismus und feministische Ansätze zum gleichen Ergebnis: Menstruieren ohne Menstruationsprodukte. Diese Entscheidung bewusst und freiwillig treffen zu können, ist ein absoluter Luxus. Sich bei der Vielfalt an Menstruationsprodukten in Deutschland für Free Bleeding zu entscheiden, ist ein ‚Trend’, der auf Privilegien basiert. Somit ist die Bewegung der freien Menstruation auch immer mal wieder in der Kritik. Wenn wir uns diesem Privileg jedoch bewusst sind, können wir ihn wie zum Beispiel Madame Gandhi beim Londoner Marathon 2015 als Zeichen des Protests und Widerstands nutzen:

‘I ran with blood dripping down my legs for sisters who don’t have access to tampons and sisters who, despite cramping and pain, hide it away and pretend like it doesn’t exist. I ran to say, it does exist, and we overcome it every day. The marathon was radical and absurd and bloody in ways I couldn’t have imagined until the day of the race.’

Free Bleeding als politisches und vor allem feministisches Statement! Madame Gandhi ging es beim Marathon darum, durch ‚Schock’ (aka Blut) Aufmerksamkeit zu erzeugen und einen Dialog über Menstruation zu starten. Denn nur durch Gespräche kann das Schweigen und das Tabu um Menstruation gebrochen werden. Der Free Bleeding Movement fördert somit einen offeneren Umgang der Menstruation und kann zu mehr Aufklärung in der Gesellschaft führen.

Photo Courtesy by Madame Gandhi

 

Und jetzt?

Meine Botschaft ist nicht, dass von nun an alle nur noch frei bluten sollten (obwohl die Umwelt es uns sehr danken würde!). Ich wünsche mir vielmehr, dass sich jede menstruierende Person sicher und ermächtigt genug fühlt, die für sich beste Methode oder Produkt(e) während der Menstruation zu wählen. Die freie Menstruation wird wahrscheinlich für viele Menschen nicht die richtige Wahl sein und das ist okay! Aber wer weiß, vielleicht bist du jetzt doch ein bisschen neugierig geworden und lässt dem Menstruationsblut bei deinem nächsten Zyklus einfach mal freien Lauf? Die freie Menstruation ist auf jeden Fall eine Erfahrung wert! Optional: Wenn du persönliche Fragen hast, kannst du auch jederzeit gerne auf mich zukommen. In diesem Sinne: 

Let it flow & happy free bleeding!

Britta
Co-Founderin Vulvani | britta@vulvani.com | Website | + posts

Britta Wiebe ist die Co-Gründerin von Vulvani. Am liebsten recherchiert, schreibt und konzipiert sie den ganzen Tag neue Artikel oder innovative Bildungsformate rund um Menstruation. Wenn sie nicht in der weiten Welt unterwegs ist, genießt sie ihre Zeit mit lieben Menschen im schönen Hamburg.