„Scheiße schwanger.“ – So war meine Reaktion als vor fast zwei Jahren meine Periode nicht eingetreten ist. Es hat sechs Wochen und einen panischen Besuch bei meiner Frauenärztin gebraucht, bis ich endlich wieder rot gesehen habe. Ich war natürlich nicht schwanger, sondern mein Körper einfach unglaublich gestresst, überfordert und mein Zyklus außer Kontrolle.
Diesen Sommer ist es wieder passiert. Meine Periode kam drei Wochen zu spät. Dieses Mal war kein panischer Anruf bei meiner Frauenärztin notwendig oder das pinkeln auf ein kleines Stäbchen, dass mir nach zwei endlos langen Minuten sagte „nicht schwanger“. Diesmal wusste ich wieso; ich hatte sogar schon damit gerechnet. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dieses Jahr nicht die Einzige bin, der es so geht. Aber zurück auf Anfang:

Es läuft irgendwie nicht

First things first, wenn deine Periode ausbleibt und du nicht genau weißt wieso, such deinen/deine Frauenärzt*in auf. Unweigerlich wirst du trotzdem erstmal eins tun: Googeln. Wer im Netz nach Antworten sucht, stößt (neben Schwangerschaft und Menopause) unvermeidlich auf das Wort: Amenorrhoe. Bei diesem schönen klinischen Wort gibt es sogar eine Unterteilung in primäre und sekundäre Amenorrhoe. Ersteres beschreibt das Ausbleiben der Menarche, also der ersten Blutung, bis zum 16. Lebensjahr. Die sekundäre Amenorrhoe, gilt für jegliches Ausbleiben der Blutung nach der Menarche, das länger als drei Monate anhält. Drei Monate? Da hatte ich in meinem Fall noch richtig Glück. Zusätzlich findest du hier alle möglichen Erklärungen von Stillzeit, Medikamenteneinfluss über Gewichtsschwankungen und und und. Was immer irgendwo am Ende dieser Liste ganz nebenbei zu stehen scheint, ist Stress. Ebenfalls aufgezählt ist hier immer auch das Absetzen der Pille; aber weil die gesamte Zeit, in der eine Frau* die Pille einnimmt, keine wirkliche Periodenblutung stattfindet, weil es keinen Eisprung gibt, ist diese Aussage meiner Meinung nach ziemlich albern. Grob gesagt, ist die Einnahme der Pille eine medikamentös-induzierte Amenorrhoe – aber darum soll es hier nicht gehen. Es geht um Stress und wie er unweigerlich Einfluss auf unseren Zyklus hat.

Stress bringt den Zyklus außer Kontrolle

Stress wirkt sich nämlich auf den Hypothalamus aus und der ist unter anderem für den Hormonhaushalt zuständig. Wenn wir also aufgrund von Trauer, Alltagsstress, neuen Lebensumständen und anderen Tagesabläufen, Zukunfts- oder anderen Ängsten, Liebeskummer, psychischem Stress oder ähnlichen Dingen gestresst sind (ganz egal ob bewusst oder unbewusst), dann wirkt sich das auf unseren Hormonhaushalt und letztendlich auf Uterus und Eierstöcke aus. Das Ergebnis: Ein Zyklus außer Kontrolle. 

Periods don’t stop for pandemics?

Zukunftsängste, neue Tagesabläufe – kommt dir in 2020 bekannt vor? Höchstwahrscheinlich. Aufgrund der aktuellen Lage sind wir alle spätestens seit Mitte März unsagbar vielen Faktoren ausgesetzt, die uns stressen und psychisch belasten. Wir sind Situationen wie diese nicht gewohnt und ebenso wenig unser Zyklus. Wer momentan vielen Stressfaktoren ausgesetzt ist, spürt das übrigens vielleicht erst im nächsten oder übernächsten Zyklus.
Eine Studie aus Uganda ergab tatsächlich, dass bei 35 Prozent der Befragten eine Veränderung des Zyklus und der Menstruation seit Beginn der Pandemie zu verzeichnen war. Bei fünf Prozent blieb die Periode völlig aus. Ich will nicht sagen, dass wir unsere Corona-Ängste mit denen von Menschen in einem Land wie Uganda vergleichen könnten; aber ich will damit unterstreichen, dass es sich hier nicht um einige wenige Einzelfälle handelt.

Ich warte darauf, dass mein Zyklus außer Kontrolle gerät

Seit Beginn der Pandemie warte ich deshalb nur darauf, dass mein Körper die Reißleine zieht und sagt: Sorry, aber unter diesen Umständen traue ich dir nicht zu ein Kind auszutragen. Denn genau das bedeutete es, wenn aufgrund von Stress die Periode ausbleibt und der Zyklus außer Kontrolle ist. Der Körper möchte mit einem frischen Eisprung im neuen Zyklus nicht das Risiko auf eine Schwangerschaft erhöhen, weil das Gehirn gerade Alarm schlägt.

Der Zyklus als sechster Sinn

Für die meisten ist ihre Periode lediglich ein Wegweiser über ihre Fruchtbarkeit: Schwanger. Nicht schwanger. Menopause. Zack. Fertig. Nächstes Kapitel im Biobuch. Aber so leicht geht das mit der Periode nicht. Sie ist, wie Franka Frei mir in einem Interview mal erklärte, unser zusätzlicher Vitalparameter. Quasi unser sechster Sinn. Unser monatlicher, kostenloser Check-up, dass unser Hormonhaushalt im Gleichgewicht ist. Ihre Intensität, ihr Ausbleiben, ihre Farbe und ihre Dauer können so viel über unsere körperliche und vor allem psychische Verfassung sagen, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Gerade jetzt ist es wichtiger denn je darauf zu achten und eine ausbleibende Periode nicht als unwichtig abzutun. 

Wenn dein Zyklus außer Kontrolle gerät, gibt es einen Grund

„Periods don’t stop for pandemics“ war dieses Jahr einer von vielen Sprüchen im Social Web, dem viele wichtige Taten gefolgt sind. Wir sollten aber nicht vergessen: „Periods might stop during pandemics“ – und das ist okay. Es ist ein Zeichen, das wir nicht nur aktuell sondern in Zukunft immer verstehen können sollten. Die Periode hört nie ohne Grund auf, aber dieser Grund muss nicht immer ein Baby sein. Es kann viele Gründe geben, manche mehr bedenklich als andere. Wenn du das Ausbleiben deiner Periode aber auf Stress oder einen großen Umschwung in deinem Leben zurückführen kannst, ignoriere es nicht oder rede es klein, sondern gib deinem Körper die Ruhe, die er einfordert.

Illustration by Magdalena Otterstedt / Kopfüber Design for Vulvani

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Katharina
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Katharina Vorndran ist Fernsehjournalistin aus Leipzig mit einer großen Liebe für alte Kameras und das geschriebene Wort. Auf ihrem Blog schreibt sie über alles, was sie bewegt - das Leben, die Liebe und die Periode. Ihre Liebe für den weiblichen Zyklus geht so weit, dass sie eine ganze Dokumentation darüber gedreht hat. Wenn sie nicht gerade versucht die Dinge, die sie bewegen in Worte zu fassen, ist sie eine tiefen-entspannte Yogi mit einem kleinen Weinproblem.